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N  Die Netflix-Serie „Narcos“ erzählt die Geschichte von Drogenboss Escobar. Das führt zu einem Touristenboom im kolumbianischen Medellín.

„Dass Ihr es alle sehen wollt, weiß ich“, sagt Julio. Der Reiseführer guckt den Gästen in die Gesichter. Grinsendes Nicken. Dann fährt er die Gruppe zu dem Haus, auf dessen Dach am 2. Dezember 1993 die tödlichen Schüsse fielen, die Kolumbiens Geschichte entscheidend verändern sollte.

Ein unscheinbares Haus in einer unscheinbaren Straße im Westen von Medellín. Es ist das Haus, auf dessen Dach eine US-amerikanisch-kolumbianische Eliteeinheit vor bald 25 Jahren den berüchtigten Drogenhändler Pablo Escobar erschoss. Das war das vorläufige Ende einer der schlimmsten Epochen in der Geschichte des südamerikanischen Landes. Eine Geschichte voller Grausamkeiten, die die meisten Menschen in Medellín am liebsten vergessen würden. Doch hier, vor dem Haus in der Car­rera 49B im Stadtteil Laureles, ist die Geschichte heute so präsent wie damals.

Jeden Tag bringt Julio Touristen aus aller Welt her. Touristen, die alles wissen wollen über die Geschichte des Mannes, der einst zum mächtigsten Drogenboss der Welt aufstieg und im Land für viel Leid sorgte. Die Menschen in Medellín sind gespalten, wenn es um diesen Teil ihrer Historie geht. Dass der Escobar-Tourismus in der 2,4-Millionen-Metropole heutzutage so brummt, hat viel mit einer erfolgreichen Netflix-Produktion aus den USA zu tun. „Narcos“ heißt die bislang 30-teilige Serie, die von der Geschichte der Drogenkartelle im Kolumbien der 80er- und 90er-Jahre ­erzählt und sich zu einer der beliebtesten Serien des ­Video-on-Demand-Anbieters entwickelte.

Der Drogenboss war den Armen gegenüber großzügig

Insbesondere aus den USA kommen die Narcos-Touristen nach Medellín. In die Stadt, die vor fünf Jahren von der New Yorker Tageszeitung „Wall Street Journal“ zur innovativsten der Welt ernannt wurde. Das war lange nachdem die „Washington Post“ Medellín zur gefährlichsten Stadt der Welt ­erklärt hatte. Rund 4000 Menschen starben damals in der Zeit des ­kolumbianischen Drogenkrieges. Die meisten von ihnen – Polizisten, Politiker, Gegner – ließ Escobar skrupellos ­ermorden. In ­Medellín, der Hauptstadt der damaligen ­Kokain-Kartelle, kamen Anfang der 90er-Jahre 380 Morde auf 100.000 Einwohner.

Doch bei den armen Menschen der Stadt war Escobar sehr beliebt. Er investierte sein Geld in die Stadt, unter­stützte die Armen­viertel von Medellín, verschaffte den Anwohnern Arbeit, ­baute Fußballplätze. „Er hat das gemacht, was die Regierung nicht machte“, sagt Tourguide Julio. Noch heute wird Escobar deswegen in den ärmeren Teilen der Stadt ­teilweise verehrt.

Und auch die Touristen wirken beeindruckt von den Geschichten, die Julio erzählt. Zum Beispiel die, wie Escobar zu einem der reichsten Menschen der Welt aufstieg. Auf dem Höhepunkt seiner Macht erzielte er den durchschnittlichen Wochengewinn von 420 Millionen US-Dollar. „Laut ‚Forbes‘ war er der siebtreichste Mann der Welt. Aber wahrscheinlich war er der reichste Kolumbianer. Sein ganzes Bargeld konnte schließlich ­niemand zählen“, sagt Julio.

Wenn er von Escobar erzählt, nennt er ihn Pablo. Es schwingt ein wenig Bewunderung mit. Und die überträgt sich auch auf die Touristen. In der Stadt sieht man immer wieder Reisende in Escobar-T-Shirts. Am Grab des einstigen Drogenbarons machen die Besucher Selfies. Ein groteskes Bild, das bei den Einheimischen gar nicht gut ankommt.

Medellín gilt als heimliche Hauptstadt des Landes

„Die Menschen glauben, Escobar sei ein Held gewesen“, sagt Sara Michillada. Die ­28-Jährige arbeitet als Architektin für die Stadtverwaltung. Sie ist eine Paisa. So nennen sich die ursprünglichen Bewohner von Medellín. Sara war noch ein kleines Mädchen, als Escobars Auftragskiller für Angst und Schrecken sorgten. „Dieser Mann war kein Held. Er war ein skrupelloser Terrorist“, sagt sie mit Wut in der Stimme. Heute arbeitet die Architektin mit daran, dass die Stadt ihren Status als Vorzeigemetropole Lateinamerikas erhält.

Obwohl Bogota mit acht Millionen Einwohnern deutlich größer ist, gilt Medellín vielen Kolumbianern als heimliche Hauptstadt. Mit diversen architektonischen Maßnahmen hat es die Regierung in den vergangenen zwei Jahrzehnten immerhin geschafft, die Gewalt-Hochburg in einen attraktiven und sicheren Ort zu verwandeln.

Viele Angebote für Escobar-Touren

Die 1995 eingeweihte Hochbahn ist die einzige in Kolumbien und der Stolz der Einwohner. Die Armenviertel in den Bergen wurden mit zwei Seilbahnlinien angebunden. Die Comuna 13, zu Escobars Machtphase einer der gefährlichsten Orte Kolumbiens, ist heute ein beliebtes Touristenziel. Über mehrere Rolltreppen gelangen die ­Besucher in diese Zone, die an Brasiliens ­Favelas erinnert.

Auch die Escobar-Tour macht halt. Mitunter weilen hier mehr Touristen als Bewohner. Auf dem Reisetipps-Portal TripAdvisor finden sich rund hundert verschiedene Anbieter von Escobar-Touren. Auch Pablos Bruder Roberto Escobar lässt Besucher an Orte des Geschehens führen. Doch es ist ein sensibles Geschäft. In einem Hotel wird ein Rundgang empfohlen als „Die-wir-nennen-seinen-Namen-nicht-Tour“.

Die Stadtführer der Free Walking Tour, die täglich rund 80 Touristen durchs Zentrum führen, sprechen den Namen Escobar nicht aus, um bei Einheimischen nicht für Irrita­tionen zu sorgen. Nicht so Julio, unser Guide. „Pablo gehört zur Geschichte. Wir können die Zeit nicht ausblenden“, sagt er und stellt sich damit gegen die Regierung, die diese Art des Sensationstourismus ablehnt. „Man sollte ­Besuchern von dieser Zeit erzählen, man muss es nur verantwortungsbewusst und sensibel tun“, sagt Julio. Er tut das, auch wenn er mit uns lacht und Witze macht.

Trotz seines vielen Geldes war Escobar ein trauriger Mann

Die Touristen selbst hingegen lassen einige Male Feingefühl vermissen. In La Catedral in den Bergen, einem damals eigens für Escobar gebauten Luxusgefängnis, leben heute Mönche. Von den manchmal aufdringlichen Selfie-Jägern fühlen sie sich gelegentlich gestört. Doch die meisten Besucher respektieren den Verhaltenskodex auf dem Gelände. Touristen können dort viel erfahren über den Menschen Escobar. Dass der Sohn eines Viehzüchters trotz seiner Geldmassen ein trauriger Mann war, der tagsüber Schach spielte und sich abends mit Edelprostituierten vergnügte – obwohl er offiziell gefangen gehalten wurde.

Und Pablo Escobar liebte Fußball. Die kolumbia­nische Nationalmannschaft um Superstar Carlos Valderrama, die 1990 in der Vorrunde dem späteren Weltmeister Deutschland ein Unentschieden abtrotzte, besuchte ihn einst an diesem abgelegenen Ort. Es war die Zeit, in der die Macht des Drogenbosses zu schmelzen begann.

Damals erhöhten die USA den Druck und drängten auf ein Ende des Kokain-Krieges. Bis eben zu jenem Tag, als Escobar in dem Haus im Westen von Medellín erschossen wurde. Julio und seine Gäste stehen an der Carrera 49B und machen ein paar schnelle Fotos. Es ist der letzte Abschnitt dieser Tour – und ein symbolischer Ort für den Wandel der Stadt und des Landes. Auch wenn die Bewohner bei diesem Thema gespalten bleiben, ist eines klar: Die ­Geschichte Escobars wird Medellín auch in Zukunft nicht loslassen. Ob mit oder ohne die Netflix-inspirierten Touristen.

Tipps & Informationen

Pablo-Escobar-Tour: Die vierstündige Führung kostet ca. 44 Euro, buchbar über medellincitytours.com